Iglubiwak

Als dann, nach vier Stunden Sägen, Schleppen, Zittern und Zähneklappern beim Einpassen der Schneewürfel, um Punkt halb fünf das Iglu so wunderschön aufrecht bauchig rund in der Landschaft stand, da wussten wir: Es ist vollbracht. Iglu-Chefingenieur Tschop packte Weisswein, Orangensaft und Salznüssli aus, und seine neun Handlanger versammelten sich staunend im Innern des Bauwerks. Es kam uns vor wie der Petersdom: Vielleicht nicht ganz so gross, aber mindestens so prächtig. Unser Werk.

Dabei musste man schon ein unerschütterlicher Optimist sein, um an diesem als total verschifft angesagten Wochenende, 9./10. März 2019, zur Iglu-Übernachtung anzutreten. Nun ja: der Auftakt war ja noch gemächlich. In der Beiz auf der Ibergeregg gab es zuerst Kaffee, Gipfeli und jede Menge Iglubauer-Latein: Tschop erklärte seinen staunenden Schäfchen, dass Präzision beim Schneewürfelschichten das halbe Leben ist, was es mit dem labilen Gleichgewicht auf sich hat (das spielt eine zentrale Rolle, aber davon später), und, ach ja, dass doch das Wetter wesentlich besser sei als angesagt. Wirklich.

Und tatsächlich: Als wir zum Biwakplatz marschierten (die Kinder Blé, Elias und Finja sausten auf ihren Bobs dorthin) fiel kein Tropfen Regen. Und beim Ausmessen des kreisrunden Iglu-Grundstücks (exakt 1,65 Meter Radius) und dem Anstampfen des Schnee-Steinbruchs (exakt 5 auf 5 Meter) gab es sogar den einen oder anderen Sonnenstrahl. Und schon war Mittagspause. «Der Schnee kann sich so noch etwas setzen, was dann das Ausschneiden der Würfel erleichtert», sagte Tschop, «oder so hoffe ich wenigstens».

Dann kam der Hauptteil der Arbeit. Blé, Elias und Finja bauten schon mal eine Schneebar. Luna und Puruns Göttibub Nick sägten mit Hilfe von Tschops genialen Selbstbau-Alu-Sägen und den Schablonen Schneeblöcke aus, präzis 50 mal 50 mal 20 Zentimeter. Knick und Purun betätigten sich als Blöckeschlepper wie die alten Ägypter beim Bau der Pyramiden. Nur dass sie die schweren nassen Dinger auch noch behandeln mussten wie die sprichwörtlichen rohen Eier: Die Schneequalität sei «himmeltraurig», beschied der Chefingenieur.

Unter dessen Aufsicht wurde dann der erste Kreis gesetzt. Tschops wichtigstes Werkzeug dabei war Pippi, die minuziös darauf zu achten hatte, dass alle vier Ecken jedes einzelnen Blocks genau beim Kugelradius zu liegen kamen. Das machte sie nicht einfach mit Augenmass, sondern mit einem weiteren von Tschops genialen Iglubauer-Werkzeugen: einem in die Mitte gesetzten Pflock mit Seil, bei dem ein Knoten die 1,65 Meter anzeigt.

Ab der zweiten Reihe, die sich dann wendeltreppenartig nach oben schraubte, kam dann die Sache mit dem labilen Gleichgewicht: Der jeweils letzte neue Block hat am vorangehenden Block und auf unteren Reihe je einen Auflagepunkt. Darin wackelt der Block zunächst wie ein Drittklässler auf zwei Beinen seines Esszimmerstuhls. Ein paar von Tschops Hand mit chirurgischer Präzision geführte Alusägen-Schnitte sorgen dann dafür, dass der Block sich fix verkeilt. (Wer sich dass jetzt nicht so recht vorstellen kann, soll sich doch am nächsten APV-Iglu-Weekend mit eigenen Augen ein Bild davon machen.)

Während die Aussenmannschaft Blöcke zuschnitt, sie zur Baustelle wuchtete und zusammen mit der Innenmannschaft sachte platzierte, begann es wieder zu regnen. Tschop, nimmermüde, arbeitete stur ohne Kappe weiter, während sich die Wand nach oben und nach innen wölbte. Der eine oder andere Block zerbröselte dann doch unter den nassen Handschuhen oder liess sich partout nicht richtig verkeilen. Fachmann Tschop blieb cool, aber wir anderen staunten, wie die Blöcke trotz allem schliesslich fast waagrecht in der Luft zu schweben schienen. Um halb fünf sass dann der finale Block ganz oben auf dem Iglu, der Zugang war ausgehoben. Geschafft. Apero-Time.

Tschop befand, dieses Iglu, das 25. seiner Iglubauer-Karriere, sei nun wirklich «Sonderklasse»: schön gleichmässig rund, der Innenraum 1.75 Meter hoch und 3.3 Meter im Durchmesser. Und das nach rekordverdächtig kurzen vier Stunden Bauzeit vom Setzen des ersten Blocks bis zum Finish. Zufrieden, stolz, leicht beschwipst vom Weisswein (und, mindestens für meinen Teil, leicht bammelig bei der Aussicht auf die Übernachtung im selbstgebauten Kühlschrank), brachen wir auf zum Nachtessen im Hotel Ibergeregg.

Gleich vor der Iglu-Tür empfing uns ein veritabler Frühlingsregen. In der Beiz legten wir unsere pitschnassen Sachen auf Tischen, Stühlen und Heizungsradiatoren aus, bevor wir uns den PommesFrites, Älplermagronen und gigantischen Schnitzeln zuwandten. Wir rekapitulierten unsere Baustellen-Abenteuer und brachten die Kids mit Kartentricks zum Staunen.

Dann verabschiedeten sich Purun, Knick und Nick unter Verdankung geleisteter Dienste (und unter meinen neidischen Blicken) in die heimischen warmen Federn. Die übrig gebliebenen glorreichen Sieben marschierten zurück ins Iglu. Tschop legte, auch hier ganz Perfektionist, den Boden mit Blachen und Schaumstoffmatten aus. Auf dieser Unterlage rollten wir unsere eigenen Mätteli und die Schlafsäcke aus. «Am besten nur eine Schicht angezogen lassen, die übrigen Kleider in den Schlafsack», lautete der Ratschlag.

Noch nie haben an einem APV-Igluanlass sieben Personen im selben Iglu übernachtet, und, darf man anfügen: Selten schliefen alle so gut. Dass es dauernd nieselte bis regnete, war nicht zu spüren. Im Morgengrauen waren aber von draussen Stimmen zu hören: «Schau mal ein Iglu… Da schlafen ja Leute drin!» Ein gutes Gefühl, zu diesen Leuten zu gehören.

Im Schärmen frühstückten wir reichhaltig, vom Butterzopf über den heissen Milchkaffee bis zum Schinken. Man hätte den ganzen Tag drin bleiben mögen. Das Wetter, das uns dann beim Rauskriechen in Empfang nahm, war nämlich keinen Deut besser als am Abend und die ganze Nacht durch. Aber wie Tschop resümierend festhielt: «Es hätte weit schlimmer kommen können.» Ich muss widersprechen: Es war toll!

Berich: Guru, Edgar Schuler

Iglubau

unbekannt

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